Meine Geschichte

Todesangst auf zwölf Metern: Wie ich zum Angsttaucher wurde

Ich war nie ein ängstlicher Taucher. Ganz im Gegenteil. Dann kam ein einziger Tauchgang, und seitdem trage ich einen Angststempel im Kopf, der es mir bis heute schwer macht, so unbeschwert Spaß am Tauchen zu haben wie früher.

Das hier ist die Geschichte dieses Tauchgangs. Ich erzähle sie, weil ich glaube, dass über Angst beim Tauchen viel zu wenig gesprochen wird.

Vorher: ein ruhiger Taucher

Ich war Tauchlehrer auf den Malediven (wie es dazu kam, steht in So fing alles an), habe dort über 1000 Tauchgänge gemacht, die meisten davon in diesem Land. Tieftauchen, Strömungstauchen, Gruppen führen, viele Menschen ausbilden: Das war mein Alltag. Ich hatte richtig Spaß dabei und nie wirklich Angst.

Der Tauchgang

Ich war auf einer Mini-Tauchsafari mit einer kleinen Gruppe von Geschäftsmännern. Diesmal war ich selbst nur Gast und fand es angenehm, dass mich ein Malediver als Guide führte. Ein super Guide, der uns zu einem ziemlich anspruchsvollen Riff brachte, einem sogenannten Tila.

Ein Tila ist eine Art kleiner Berg im Wasser. Wer die Malediven kennt, weiß: Man muss an der richtigen Stelle an der Oberfläche abtauchen und sich von der Strömung zum Riff führen lassen, weil man den Platz wegen der Strömung oft gar nicht sieht. Früher habe ich solche Plätze selbst gefunden und Gruppen dorthin geführt. Jetzt war das Aufgabe des Guides.

Ich sprang ins Wasser, mit einem Buddy, auf den ich stark aufpassen musste. Er war noch nicht richtig ausgebildet und brauchte meine Aufmerksamkeit.

Die Strömung war sehr stark. Wir mussten dagegen anschwimmen, um den Tila zu erreichen, sonst hätte sie uns von diesem Platz weggetrieben. Ich bemerkte bald, dass ich stark außer Atem kam.

Dazu kam etwas, das ich damals nicht auf dem Schirm hatte: Es war ziemlich das erste Mal, dass ich mit einer Aluminiumflasche getaucht bin. Früher bin ich immer Stahlflaschen getaucht, und damit brauchte ich kaum Blei, manchmal gar keins. Eine Aluminiumflasche erzeugt deutlich mehr Auftrieb. Ich war aber immer der, der wenig Blei mitnimmt, weil man dann leichter im Wasser liegt. An diesem Tag war es viel zu wenig.

Je mehr ich gegen die Strömung arbeitete und tief atmete, desto stärker zog mich die gefüllte Lunge nach oben. Ich versuchte deshalb, vor allem auszuatmen. Das verstärkte die Atemnot noch, denn mein Körper schrie nach Sauerstoff.

Der Moment

Irgendwann war ich so erschöpft, dass ich innerlich aufgab. Ich wollte nur noch normal atmen. Ich atmete tief ein, achtete nicht mehr auf meinen Buddy, nicht mehr auf die anderen, nur noch auf mich. Und ich ließ zu, dass ich nach oben trieb.

Wir waren in etwa zehn bis zwölf Metern Tiefe. Mir war klar, was oben auf mich wartete: Ich war gerade erst von einem Boot gesprungen, auf dem niemand damit rechnete, dass ich schon wieder auftauche. Ich kannte die Crew nicht und den Kapitän kaum. Ich hatte kein Vertrauen, dass sie unseren Luftblasen wirklich folgen würden. Es regnete, die Sicht war extrem schlecht, die Wellen waren hoch.

Und ich hatte keine Signalausrüstung dabei. Keine Boje, vielleicht eine Pfeife im Jacket, ich weiß es nicht mehr.

In dieser Phase des Aufstiegs hatte ich zum ersten Mal in meinem Leben Todesangst. Die Angst, oben anzukommen, abgetrieben zu werden und dass mich niemand findet.

Wie es ausging

Ich schaute zur Gruppe hinunter. Auch sie hatte den Kampf gegen die Strömung aufgegeben und trieb etwa zehn Meter unter mir. Ich war ungefähr drei Meter unter der Oberfläche, konnte alles deutlich sehen und beruhigte mich. Mir wurde klar: Der sicherste Weg ist, wieder zur Gruppe zu gehen.

Ich tauchte langsam wieder ab. Für die anderen war der Tauchgang ohnehin verdorben, ihre Flaschen waren fast leer gesaugt. Sie hatten nicht einmal bemerkt, dass ich weg war. Der Tauchgang ging relativ normal zu Ende.

Für mich war er nicht normal. Er war geprägt von Todesangst, und die trage ich bis heute mit mir.

Was zusammenkam

Nichts davon war ein einzelner großer Fehler. Es war eine Kette:

  • zu wenig Blei für eine Flasche, die ich nicht gewohnt war
  • starke Strömung und körperliche Erschöpfung
  • ein Buddy, der selbst Hilfe brauchte
  • keine eigene Signalausrüstung
  • eine Bootscrew, der ich nicht vertraute, schlechtes Wetter, hohe Wellen

Und ich als erfahrener Taucher, der sich das erste Mal einfach führen ließ.

Was seitdem ist

Seit diesem Tauchgang habe ich viele hundert Tauchgänge gemacht. Aber sobald ich gegen Strömung ankämpfen muss und merke, dass ich in Luftnot gerate, kommt die Angst. Auch schon, wenn ich weiß, dass ich in ein Wasser mit Strömung springe, die mich abtreiben könnte. Auf den Malediven ist das sehr häufig so.

Ich überwinde mich oft. Manchmal gebe ich dem Gruppenzwang nach. Ich habe immer wieder Angstattacken in bestimmten Situationen erlebt. Der Unterschied zu früher: Ich kenne diese Situationen jetzt genau. Ich weiß, was sie auslöst, und kann sie vermeiden oder anders angehen. Das habe ich analysiert. So habe ich einen Rahmen gefunden, in dem ich wieder sicher tauchen und die Unterwasserwelt genießen kann.

Warum ich darüber spreche

Tauchen und Angst ist ein Riesenthema, über das ganz viel nicht ausgesprochen wird. Gerade Männer schämen sich, zu sagen: Ich habe tatsächlich Angst. Viele hängen ihr Hobby deshalb komplett an den Nagel und sagen lieber, sie hätten keine Lust mehr. Dem möchte ich etwas entgegensetzen.

Das Allerwichtigste ist, sich zu öffnen und offen darüber zu sprechen. Das allein nimmt schon einen Teil der Angst.

Das hier ist meine persönliche Geschichte, kein Tauchratgeber. Wenn du dich wiedererkennst, wenn du aufgehört hast oder dich gar nicht erst traust: Du bist nicht allein. Mehr über mich und über das, was ich mit dieser Seite vorhabe, findest du auf der Seite Über mich.